Rezension: „In der Box: Wie CrossFit das Training revolutionierte und mir einen völlig neuen Körper verlieh

IN DER BOX – DA GEHT’S RUND

Als Vorbereitung für meinen Hamburg-Trip wollte ich mich eingehender mit Crossfit beschäftigen. Mit geringen Erwartungen besorgte ich mir verschiedene Bücher zum Thema. Dies hier gefällt mir besonders. Es ist weniger Trainings- und mehr soziokulturelles Philosophiebuch. Klar wird auch eingehend über Crossfit und das Training berichtet, mitunter naiv, aber stets motivierend. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Autors, selbst (Chef-)Redakteur und Autor etablierter Magazine im Ausdauerbereich. Nach langer Läuferkarriere musste er die Schuhe an den Nagel hängen, da kein Schritt mehr ohne Schmerz möglich war. In dieser deprimierenden Phase wurde Murphy auf Crossfit aufmerksam. Zögernd wurde er Mitglied und geriet in den Sog der „Box“ – der Crossfit-Zelle Elysium in San Diego … zugleich steht die „Box“ aber auch für eine starke Community und das ist das Wertvolle an Crossfit ‚round the world!

Es hat sich ein globales Fitness-Netzwerk entwickelt, das nach gleichen Prinzipien strebt, individuell frei ist und spielerisch Konkurrenz pflegt. Eine Mischung aus Lachen und Weinen – perfekt für den Zusammenhalt. Besonders in einer Welt, in der sich Idioten, Stumpfsinn, Couch-Potatoes, Kommerz und körperfremde Religionen ständig in die Haare kriegen auf Kosten von Freiheit, Gesundheit und Natur.

In der Box geht’s wirklich rund … um den ganzen Planeten herum war ich schon in Crossfitboxen zu Besuch und wurde stets freundlich aufgenommen, konnte oft gleich mittrainieren – von New York über London, Rom und Bangkok bis Taipeh.

Leider geht’s beim Training auch dort rund: beim Rumpf. Das große Problem von Crossfit: Wo Erschöpfung und hohe Widerstände verschmelzen, drohen Strukturen und Nervensystem zu überlasten. Nur besonders geschulte Athleten vermögen dies auch auf hohem Niveau zu meistern. Sie und alle Trainer haben die Pflicht ihren Schützlingen stets aufs Neue die Bedeutung der sauberen Technik vor Augen zu führen. Deswegen sind geschulte Quereinsteiger bei Crossfit meist im Vorteil und an der Spitze: Sie haben vormals die saubere Technik, Koordination, Atmung und Körperbeherrschung ohne Hektik gelernt; nicht nur über ein Einstiegsseminar, sondern über Jahre hinweg. Das ist wesentlich, denn ein stabiles Fundament wächst langsam wie die Wurzeln eines starken Baumes. Wer zu schnell wächst, kommt auch schnell aus dem Gleichgewicht.

Murphy weist im Buch unzureichend darauf hin, war zum Zeitpunkt des Schreibens sicher auch noch zu unerfahren in dem Metier. Aber er hat gut recherchiert und mit brennender Feder geschrieben. Man erfährt viel über die Gründer, Geschichte, besondere Athleten, WODs, Ernährung und Fallgeschichten.

Ein starkes Buch über eine starke Gemeinschaft. Sicher gibt es für Eingeweihte auch Schattenseiten, doch die sind stets vorhanden, Begleiter des Lichts. Das Prinzip ist wertvoll: Athleten aller Welt vereinigt Euch. Ihr seid freidenkend, bereit zu kämpfen, kritisch, selbstbewusst, international, überkonfessionell, stark, progressiv – und habt Spaß dabei. Warum sollten wir die Welt den grauen Spießern, bärtigen Fundamentalisten und körperfremden Sesselfurzern überlassen?

Sonstige Sportvereine und Verbindungen sind schlicht zu brav und tolerant, was Nachgiebigkeit, Ausreden und Duckmäusertum angeht. Da herrscht zu wenig Krieg, um einen kompromisslosen Menschen zu schaffen. Crossfit-Boxen und ähnliche Gruppen schaffen das – spielerisch. Blut, Schweiß und Tränen reinigen die Seele und schweißen zusammen. Solch eine Betätigung ist weit mehr als Sport, es ist pragmatische lebensverändernde Philosophie, die zu einer starken zukunftsorientierten, aber weltoffenen und naturverbundenen Subkultur führt. Murphy vermittelt erste Ansätze davon. Nun sollte es weiter gehen …

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