Zippels Reise zum Nullpunkt

von | 17. Nov 2018 | Dr. Christian Zippel, Update Dr. Z | 10 Kommentare

>> Einen Monat nachdem Dr. Christian Zippel (Dr. Z) seinen Wohnsitz und Besitz in Deutschland aufgegeben hat, gibt es ein neues Lebenszeichen von ihm. Was er noch an Hab und Gut hat, wie er künftig lebt und welche vier Erkenntnisse ihm in einem Monat absoluter Freiheit gekommen sind, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Viel Spaß, euer Sascha.<<

FREI WIE EIN VOGEL

Meine Finger krallen sich in die Steinplatte. Mit allen Vieren klettere ich empor. Unter mir der Abhang. Auf einem Vorsprung richte ich mich auf. Spähe in Richtung Spitze. Doch der 6.000er liegt im Nebel. Himalaya.

Ein gewaltiger Schatten schießt hinter mir den Abhang hinauf, keine zwei Meter über mein Haupt hinweg. Atem und Blut stocken mir. Ein gewaltiger Greif mit knapp 2,50 m Spannweite übertrumpft mich um Längen. Wo ich kämpfe, gleitet er mühelos. Mit offenem Mund lässt er mich zurück. Schwebt weiter hinauf. Majestätisch. Erhaben. Minimalistisch. Frei.

KRISTALLKLARE MOMENTE

… wie diese sind es, die mich auf diesem Planeten am reinsten erreichen, am tiefsten bewegen. Ungefiltert. Präsentiert von Mutter Natur. Sei es der Hai im Great Barrier Reef, die Python in Bangkok, der Waran auf Sri Lanka, der Jaguar in Panama, das Krokodil in den Mangroven, die spielenden Delphine und jumpenden Mantas im Pazifik oder schlicht der Seeadler auf Rügen. Immer, wenn ich starker, ungebändigter Natur begegne, dem Hammerhai ins Auge schaue oder ein Grönlandwal sich neben dem Fischerboot aus der arktischen See erhebt, dann fühl ich mich wohl. Da zieht es mich hin. Da schau ich der Natur tief in die Seele und finde mich selbst. Kehre ich zurück in die Zuvielisation, ist das schnell wieder hin. Bürokratisch, verkrampft, blockiert, überfrachtet und gehetzt – der Natur entfremdet. Der Mensch mag die aktuelle Spitze der Evolution sein, doch er hat seine Wurzeln verloren, ist zum Plateau verkommen.

KI – KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

Viele wollen sich über das Natürliche erheben, künstliche Intelligenz schaffen. Das Tierische, Biologische abstreifen … und damit alles Tiefe, Gefühlvolle, Erfüllende: den Willen, die Leidenschaft, das Leben. Intelligenz allein ist orientierungslos und schwach. Nur ein Werkzeug. Klar, der Mensch strebt nach immer perfekteren Werkzeugen. Auf Knopfdruck sollen sie alles erledigen.

Daraus erwächst ein Problem: Die Wenigsten wüssten, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, wenn die alltäglichen Aufgaben erledigt wären. Sind die meisten Menschen doch nichts anderes als Werkzeuge. Werkzeuge für Konzerne und Institutionen. Sie funktionieren. Sie produzieren. Sie konsumieren. Und sie lassen es zu, dass ihre operative, strukturierende und konsumierende Tätigkeit den gewichtigen Teil ihres Lebens auffrisst.

Darüber hinaus wissen die Wenigsten etwas mit ihrer Zeit und Energie anzufangen. Lächerlich, dass sie sich die Unsterblichkeit wünschen und doch am nächsten verregneten Sonntag oder Stromausfall nichts mit sich anzufangen wissen. Bei mir ist anders herum: das Alltägliche, Bürokratische, Nebensächliche, Erwerbende, Konsumierende widert mich an. Klar, sagen alle: „Das muss halt sein.“ Aber stimmt das wirklich?

Ich denke nicht, Tim.

PANTA RHEI

Da die allzumenschlichen Irrungen und Verwirrungen mich seit je her anöden und ich ein Freund radikaler Entscheidungen bin, habe ich dieses Jahr Nägel mit Köpfen gemacht und das bürgerliche Sein des Christian Zippel eingesargt. Meine Geschäftstätigkeit aufgegeben. Eine letzte Steuererklärung abgegeben. Alle Verträge gekündigt. Wohnsitz aufgegeben. Besitz verkauft und verschenkt und mich zum 18. Oktober 2018 aus Deutschland abgemeldet. In Folge bin ich kopfüber in eine wunderschöne Grauzone eingetaucht: habe mich nirgends wieder angemeldet. Frei wie ein Adler ­– zwar mit Handgepäck, dafür mit Stil.

WAS ICH NOCH HAB

Einen 10 Jahre gültigen Reisepass mit doppelt so vielen Seiten. Ebook-Reader. Smartphone. Digitales Konto mit Kreditkarte. Eine internationale Unfallversicherung, die stationäre Krankenhausaufenthalte abdeckt. Basis-Kleidung. Deo. Zahnbürste/-pasta. Haarschneider. Alles in allem unter 8 Kilo.

Monatliche Fixkosten von knapp 100€ für alles zusammen. Hinzu kommen Kosten für Unterkunft und Verpflegung sowie SIM-Karte im jeweiligen Land, falls überhaupt.

Verglichen mit den Fixkosten, die der Durchschnittsdeutsche hat, ist das ein Klacks und für ein paar hundert Euro drauf leb ich dafür in vielen Ländern wie ein König.

Dank Digitalisierung finden sich weltweit gute Restaurants, möblierte Wohnungen oder Hotelzimmer mit Gym, Wellness und Brunch. Das Ganze ist also keine Frage des Geldes, sondern eine der geistigen Freiheit, Flexibilität und Effizienz. Reisen ist nur teuer, wenn man sie kommerziell bucht und im Heimatland die Lebenshaltungskosten weiter laufen. Wer Kosmopolit ist, ein Weltbürger: seine Heimat im Planeten Erde findet – und in anderen Ländern wie ein Einheimischer lebt, der findet in den meisten Ländern dieses Planeten einen weit höheren Lebensstandard zu geringeren Kosten als in deutschen Landen.

SO WERD ICH KÜNFTIG LEBEN

Seit Jahren verbringe ich den Großteil des Jahres auf Reisen. Zuhause fühle ich mich, wo ich frei lachen, gut essen und tief schlafen kann. Die Wohnung in Deutschland war Sicherheit, Komfort und Rückzugsmöglichkeit – verbunden mit Kosten und Bürokratie. Inzwischen empfinde ich in Risiko und Freiheit soviel Komfort und Sicherheit, soviel Stabilität in mir selbst, dass ich keine äußere mehr brauche. Hinfort damit …

DIOGENES LEBTE IN SEINER TONNE

Er war radikaler. Minimalistischer. Weniger abgesichert. Dafür bin ich kosmopolitischer, mobiler, stilvoller und vernetzter. Aspekte wie Altersvorsorge, Pflege- oder Berufsunfähigkeitsversicherung sind was für ängstliche, unanpassungsfähige Menschen. Ich bin weder das eine noch das andere: Anpassung fällt leicht. Zum Sterben bereit. Hab meinen Frieden gefunden.

Trotz allem habe ich die Versicherung. Not-OPs nach einem schweren Unfall können Zehntausende kosten, sollten aber kein Grund zum Sterben oder finanziellen Ruin sein. Abgesehen davon und von meinem austauschbaren Basis-Besitz hab ich mich vollends ent-wickelt. Und so wird es bleiben. Die Reise zum Nullpunkt ist unheimlich befreiend.

Umso mehr ich das Theater um mich selbst abgehakt habe, desto mehr kann ich mich der Philosophie widmen sowie der Erforschung, Entfaltung und Wertschöpfung. In Folge ein paar Erkenntnisse zu meinem neuen Lifestyle.

1. ERKENNTNIS

Alles Wesentliche ist bereits da und leicht beschaffbar. Überleben in der Zuvielisation ist ein Kinderspiel. Wir leiden nicht an Mangel, sondern an Überfluss. Von gestern ist: wer das nicht erkannt hat. Arm ist: wer mehr haben will. Krank: wer dafür sein Leben zerstört. Dumm: wer glaubt, mehr könnte die Lösung sein.

2. ERKENNTNIS

Du brauchst weder Besitz noch Wohnsitz. Falls Du überhaupt etwas brauchst, kannst Du es mieten oder kaufen und weitergeben. Weshalb be-sitzen? Immobilien machen immobil. Sitzen macht krank, starr und bewegungsunfähig. Wer nichts be-sitzt, der kann tanzen. Tanzend leben, lachend sterben.

3. ERKENNTNIS

Mach Deine Hausaufgaben. Investiere alles in Dich selbst. In Deine Fähigkeiten, Qualitäten, Beziehungen, in Deinen Verstand und Körper und in die Stabilität Deiner Seele. Sobald Du reif, stabil und erfüllt bist, investier alles Überströmende in Deinen Heimatplaneten: Schaffe Werte, wo Du stehst und gehst. Mach jeden Platz, jede Wohnung, jede Familie zu einem besseren Ort. Schaffe konstruktive Projekte. Optimiere Prozesse. Schütze und fördere die Natur sowie das Schöne, Gute, Starke. Sei optimistisch, energetisch, konstruktiv durch und durch. Karma works.

4. ERKENNTNIS

Du hast alle Zeit und Energie der Welt. Kümmer Dich nicht um Kleinscheiß wie Existenzsicherung, Futter, Zukunft und Überleben. Überwinde Dich selbst und verschwende Dich ins Positive. Der Mensch ist ein wundervolles Kunst- und Klärwerk. Dazu geschaffen, Probleme zu lösen, Blockaden zu brechen und Werte zu schaffen. Tue dies und Dir wird es nie an etwas mangeln. Lauf den Dingen nicht hinterher. Komm ihnen entgegen. Hechel Dich nicht für äußere Werte ab. Schaff eigene und lebe sie. Klammer Dich nicht an Materie. Sie ist nur geronnene Energie. Komm in Fluss und die Energie wird Dir aus allen Poren strömen, aus den Augen strahlen. Lauf nicht den Menschen hinterher. Sei eine Sonne und sie kommen zu Dir. Handel nicht aus Angst und Mangel heraus, sondern aus Fülle und Über-Mut und die Welt wächst mit Dir. Überwinde Dich selbst. Du bist die Welt: Brahman – Atman. Übersteig die Grenze. Verschmelz mit dem Ganzen: Tat Tvam Asi. Das ist Befreiung: Moksha.

SO FUNKTIONIERT DAS SCHÖNE UND STARKE LEBEN: KAMPF-KUNST!

… und jetzt steigt Dir vielleicht ein bisschen zu Bewusstsein, weshalb es mir so leicht fällt, alles Bürgerliche, Nebensächliche aufzugeben: It’s just illusion – like a splinter in your mind. All das ist nicht real. Nur eine kollektive Konstruktion, der menschlichen Spezies, die sich selbst zu Ernst nimmt. 

Fakt ist: Wir haben keine Ahnung, was das Universum ist, worum es sich dreht und wohin es geht?!

Ignoramus. Ignorabimus.

Fast alle Menschen verdrängen das und beugen sich den K-Illusionen: Kapital, Konsum, Karriere, Kommerz und Konvention. Ich nehm mich da jetzt raus. Eigenes Leben, eigene Regeln. Schaffen was konstruktiv ist, wo es schön ist. Philosophie auf die Spitze treiben. Ein freigeistiges Kapitel im Buch des Lebens schreiben.

Wir riechen uns später.

„Empty your mind. Be formless, shapeless, like water. Now you put water into a cup. It becomes the cup. You put water into a teapot. It becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water, my friend.“

Bruce Lee

>> Soweit von Zippel. Ich habe Ihn gebeten, zukünftig mehr über seinen neuen Lifestyle zu schreiben. Wo er auf Reisen geht, was er erlebt, wie er sich fühlt, entwickelt und philosophiert. Insbesondere welche wesentlichen Erkenntnisse er auf seiner Lebensreise macht und was aus diesen zu lernen ist.

Wenn ihr weitere Anregungen oder Fragen habt, dann könnt ihr diese gerne in die Kommentare schreiben, oder mir direkt per Mail an [email protected] senden. Falls euch der Artikel gefallen hat, teilt ihn gerne mit euren Freunden und Familien. 

Euer Sascha <<

   

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"Das Hamsterrad sieht von innen wie eine Karriereleiter aus."

Dr. Christian Zippel

10 Kommentare

  1. Habe heute zum ersten mal von Christian gelesen. Super interessant. Weiter so!

    Antworten
  2. Danke für den tollen Beitrag!

    Antworten
  3. Sehr schön,
    freut mich ungemein von Dr. Zippel mal wieder was zu lesen. Er hat mich eine ganze Zeit lang auf meiner eigenen „Reise“ begleitet.

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  4. Höchst Interessant, freue mich noch mehr davon zu lesen👍

    Antworten
  5. Bin gespannt wie er mit seinem Fortpflanzungsprogramm und der „Unsterblichkeit“ umgehen wird… oder lebt er nur um seiner selbst willen? Aber – spielt alles keine Rolle – das Leben ist eine Illusion, ob einer Notiz davon nimmt oder nicht.

    Antworten
  6. Der Christian ist eine der überlaufenden Quellen die mich schon seit Jahren
    zur Entwicklung inspiriert haben.
    Großes Lob zur Seite und Respekt vor dem Schritt ins Gewisse. Etwas.
    Das jedem von uns ein bisschen fehlt.

    Bin gespannt wie es weitergeht. 🙂

    viele Grüße und weiterhin Aufwärts! wie er immer zu schreiben pflegte.

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  7. Es ist für mich immer wieder aufs neue höchst interessant vom guten Christian die Gedanken und Erfahrungen aufsaugen zu dürfen.
    Eine Freude zu sehen, es gibt Menschen die mit dem Konstrukt Welt, wie wir sie er-leben und ihren eingefahrenen Mechanismen und zu vielen Desillusionen/Denkweisen, nicht konform gehen/ablehnen, nach höheren zu streben.

    Ich hoffe und freue mich auf weitere Berichte von Christian, und mit Sicherheit geht es vielen so, die eine ähnliche Denkweise gutheißen und seine Person schätzen.

    Schön wenn es in dieser Form aufrecht erhalten wird, es wäre zu schade von ihm nichts mehr zu hören!

    Antworten
  8. Ich befinde mich gerade im „bürgerlichen“ Prozess des Schreibens (und Prokrastinierens) meiner Abschlussarbeit und diese Zeilen sind wie vitalisierende Sonnenstrahlen, die meine desillusionierten Gedanken erhellen.
    Danke dafür, Christian (und Sascha).

    Ich würde mich sehr freuen, wenn bald das Forum online geht, um isch mit Gleichgesinnten auszutauschen!

    Antworten
    • Hallo Daniel,
      danke für deine Worte! Ich denke in ein paar Wochen ist das Forum online. Hier soll dann der Austausch mit Gleichgesinnten untereinander stattfinden. Darauf freue ich mich auch schon.
      Beste grüße & lass krachen!

      Antworten
  9. Schön wieder was zu hören vom doc 🙂

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Ich wünsche euch allen Frohe Weihnachten.
Beste Grüße, euer Sascha <<

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