Rezension: „Boxen: Eine Faustschrift

IRONIE, SARKASMUS, ZYNISMUS – WIE WAR DAS NOCHMAL?

Was ist was?

Kurz und knapp:
Sarkasmus ist böse, schwarz, will verletzen: „Endlich is er tot.“

Ironie behauptet Gegenteiliges, scherzhaft gemeint: „Schöööne Hose, Tom.“
Um es zu verstehen, muss man intelligent genug sein, um um die Ecke denken zu können. Klappt nicht immer, da es vielen schon schwer fällt, geradeaus zu denken. Deswegen muss manchmal etwas ergänzt werden: „Schöne Hose, Tom. Gibts die auch für Männer?“

Zynismus zu verstehen erfordert am meisten Intelligenz. Dem Zyniker ist nichts heilig auch und nicht Religionen und längst nicht Konventionen: „Glaub nicht, dass die in Afrika hungern, da ham doch selbst die Kinder dicke Bäuche“ (DNP) oder „Wie, es gibt nicht genug Ausbeutungsplätze?“ (KIZ)

Ziel ist die Provokation, oft mit derben Worten und Vergleichen – mit dem Ziel die Schwächen der Gesellschaft bewusst zu machen und umdenken anzuregen. Zynismus stößt auf und beleidigt, will aber Probleme bewusst machen und sie bessern – durch Entkrampfung, Provokation und Humor. Das ist pragmatische Philosophie, angewandte Psychologie – wie sie bereits vom ersten Kyniker, dem alten Diogenes aus der Tonne, gelebt wurde. Der hat auf jeglichen Luxus und materiellen Besitz verzichtet und alle(s) lächerlich gemacht, um bewusst zu machen, wie schön und einfach das Leben sein kann und wie künstlich und verkrampft die Menschen es sich selbst machen.

Man kann festhalten: Je intelligenter (mental freier/humorvoller) und selbstkritischer eine Gesellschaft ist, desto zynischer ist sie auch. Das Problem: Das Gros der Gesellschaft verfügt nicht über den Horizont, um Zynismus von Sarkasmus zu unterscheiden. Weshalb zynische Bands wie KIZ oft falsch verstanden und schnell abgestempelt werden. Wischmeyer ist das deutsche Urgestein des Zynismus:

„Der Altdeutsche hat der Welt nicht mehr viel zu bieten. Kaum vorstellbar, dass die hier aufgeforsteten Leichtmatrosen noch mal so was wie den Ottomotor erfinden oder die Relativitätstheorie. Von dem Haufen abgebrochener Sozialpädagogen wird auch kein Dritter Weltkrieg mehr angeschoben. Und viel mehr können wir ja nicht!“ (S. 199)

So schreibt er über den Untergang der Deutschen. Er könnte auch schreiben: „Die Deutschen waren ein Volk der Dichter und Denker. Stark und angriffslustig. Jetzt sind wir schwach und wankelmütig. Warum ändern wir das nicht?“

Stattdessen treibt er den Stachel lieber tiefer ins Fleisch, nach dem Motto: „Das schaffst Du eh nicht“ – umgekehrte Psychologie.

Klappt aber nur bei Menschen, die über dem Schmerz stehen und den Sinn der Sache verstehen (zur Selbstreflektion fähig sind). Wer hingegen laut aufschreit, den Stachel verdrängt und Respekt einfordert, dem fehlt es nicht nur an Humor (Intelligenz) … der hat vor allem kleine Eier (Minderwertigkeitskomplex) und viel Angst (Verkrampfung). Genau deswegen muss er, zur Kompensation, seine Mitmenschen terrorisieren, Zwänge durchsetzen und einen auf dicke Hose machen – damit all seine Unzulänglichkeiten „um Himmels Willen“ keinem auffallen.

Wer das verstanden hat, findet im Zynismus eines der wertvollsten und zugleich coolsten Instrumente zur Entwicklung der Menschheit.
Deswegen lohnt sich Wischmeyer.

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