Hanteln sind die bessere Medizin!

von | 28. Feb 2019 | Der Wille zur Kraft (Archiv) | 0 Kommentare

Ich verließ dieses Haus und trat in eine andere Welt. Sie war mir fremd. Wie in Trance glitt ich die Stufen herab und zerrte mich durch mein Dasein, dessen Schwermut eher aus Schwere denn aus Mut bestand. Die Sonne schien, doch mir war kalt. Ich nahm nichts mehr wahr und doch wusste ich nur eins: Hüftdysplasie ist ein Arschloch!

Was hatte der Onkel Doc erzählt? Auf beiden Seiten Tripleosteotomie? Beide Hüftpfannen brechen, ihren Neigungswinkel verändern und sie dann wieder festschrauben? Eine Seite nach der anderen? Jahrelange Bettruhe – die Hüfte dürfe nicht belastet werden?

Dabei waren doch gerade die schönsten Dinge der Welt mit sehr viel Hüfteinsatz verbunden – und damit mein ich nicht nur Kreuzheben, auch wenn das ganz oben dabei ist.

Man könne sich die paar Jahre Bettruhe auch zu Hause pflegen lassen? Na danke, ich war gerade 19 Jahre, stand ganz kurz vor dem Abi und hatte meinen Eltern eine bilderbuchreife Jugendzeit beschert, in der ich seit meinem ersten Vollrausch und meinem ersten Muskelkater durch Hanteltraining – beides mit 13 – nur noch von einem Lebensextrem ins andere gehüpft war, da mir das normale Jugendleben meiner Mitschüler so seicht vorkam wie das Schwimmen in einer Pfütze lauwarmen Regens.

Mit der Volljährigkeit begann ich Worte wie Rücksicht überhaupt erst wahrzunehmen: Meine Eltern hatten sich ihre Ruhe nach dem Pubertätssturm wohllöblich verdient und das Letzte, was ich wollte, war, dass sie mich wie einen Invaliden jahrelang im Wohnzimmer pflegen müssten. Schwäche war noch nie mein Freund. Um ganz ehrlich zu sein: Ich hasste sie und das wäre ein Weg der Schwäche par excellence gewesen.

Also… Was blieb mir übrig? Trotz alledem blieb ich realistisch. Noch auf dem Weg zum Auto strich ich die Pläne für das Sportstudium und mir kamen auch sofort viele Gründe in den Sinn, wie ich das auch Dritten gegenüber und vor allem auch mir rechtfertigen konnte – ohne dabei auf meine schmerzende Hüfte Bezug nehmen zu müssen. Alles was auch nur den Anschein einer Ausrede haben könnte, war für mich ebenso Tabu wie Schwäche. Eigentlich war es ja auch fast das Gleiche und sprach die selbe Sprache, die nur ein Wort kennt: Mimimi.

Aber genau so fühlte sich meine Hüfte momentan an. Es mussten die vielen kilometerlangen Läufe fürs Boxtraining sein, die dafür verantwortlich waren, denn das Krafttraining betrieb ich nun ja schon einige Jahre. Dreimal die Woche Boxtraining, dreimal die Woche Krafttraining und täglich mit dem Fahrrad die 25 km zur Schule hin und zurück waren in Summe Gift für meine Hüfte und mir wurde klar: Cardio ist scheiße!

Am Widerstand wächst man! Zu viel Bewegung mit zu wenig Widerstand jedoch ist schädlich für den Körper. Er nutzt ab, ohne dabei zu wachsen. Ich dachte an meine religiöse Ader und fragte mich: „What would Bruce do?“ Lees Antwort war klar: „Hack away the unessential.“

Und ich folgte ihm aufs Wort und strich also nicht nur das Sportstudium, sondern auch noch das Boxtraining. Was blieb, war klar: Schweres Krafttraining.

Ausreichend Kraft und Masse, die man dann auch noch gut einzusetzen weiß, können schließlich ebenfalls eine sehr gute Grundlage zur Selbstverteidigung sein – vor allem jedoch schon allein durch Abschreckung und Respekt. Die wahren Siege sind doch sowieso die, bei denen es nicht einmal bis zum Kampf kommt.

So wandelte sich der Schwerpunkt meines Lebens zur Bewältigung progressiver Widerstände. Das Schicksal hat mich dort hingetragen. Es fesselte mich an schwere Hanteln. Es lies mir keine andere Wahl – aber war ich glücklich damit?

So ganz überzeugt war ich noch nicht davon. Eines jedoch war mir klar: Es musste etwas geschehen. In diesem Zustand der Agonie konnte es nicht weitergehen und so ging ich in den Keller um Schluss zu machen. Befand ich mich doch immer noch in einer Art Trance – die Zweifel nagten noch sehr stark an mir…

Ich legte eine Platte Punkrock der feinsten Sorte auf den Plattenteller meiner alte Stereoanlage, legte behutsam und doch völlig emotionslos die zerschlissene Nadel auf mein Lieblingsstück und drehte auf volle Lautstärke – in der Hoffnung, so die Stimmen in meinem Kopf übertönen zu können. Der Blick in den Spiegel war kalt. Alles war kalt. Auch der Stahl, der sich plötzlich in meiner Hand befand.

Die Stimme des Arztes ging mir nicht aus dem Kopf: „Wenn sie sich jetzt nicht operieren lassen, werden die Schmerzen immer stärker. Mit 30 werden sie eine neue Hüfte brauchen.“ Doch ich wusste: Nein, diesen Weg der Schwäche werde ich nicht gehen. Niemals. Ich wähle meinen Weg: den Weg der Stärke.

Ich atmete tief und fest ein und ich gab mir das Leben zurück – jede Faser meines Körpers pulsierte als sie mit mir gemeinsam die 200 kg zur Strecke brachten, die noch von meiner letzten Trainingseinheit vor dem Arztbesuch in der Mitte des zwielichtigen Raumes liegen geblieben waren.

Plötzlich war ich wieder klar. Ich legte die Hantel ab, sah in den Spiegel und fand in meinem Gesicht das hämische Grinsen wieder, das so gerne meine Mundwinkel zierte, während mein Kopf im Takt der Musik nickte. Dabei dachte ich nur:

„Die künstliche Hüfte kann mich mal. Solange es noch Widerstand gibt, solange werde ich auch wachsen und solange bleibe ich auch schmerzfrei.“

Hanteln sind die bessere Medizin!

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