Philosophie und Kunst

Philosophie & Kunst | AMOR FATI

von: Sascha

von: Sascha

Vor Kurzem war ich in Dubai. Drei Monate in einer Stadt, in der alles möglich ist, die niemals stillsteht und in der immer alles und sofort geht. Es scheint so, als wäre in so einer Hochburg der gesellschaftlichen Kultivierung, des Konsums und Besitzes alles vorhanden und dazu noch im Überfluss. Das Leben, von dem viele Menschen sagen würden: “Dann hast Du es geschafft, dann hast Du was Du willst”, ist dort für Millionen bereits Realität.

Als “(un-)anständiger” Philosoph drängt sich an dieser Stelle natürlich die Frage auf, ob die Einheimischen und Wahleinwohner der Wüstenstadt tatsächlich “Alles” haben oder ob es aus meiner Sicht trotz Wohlstand, Status, Bling Bling und Superlativen etwas gibt, was nicht so einfach zu finden ist. Etwas, was sich durch Geld und Luxus nicht kaufen, leben und erfahren lässt. In meinem Artikel “Drei philosophische Impressionen aus Dubai” habe ich bereits über einen dieser Punkte geschrieben: unbezahlbar wertvolle und tiefe Verbundenheit in Freundschaft, Gemeinschaft und Beziehungen.

Im heutigen Artikel greife ich diesen Gedanken wieder auf und nehme Dich mit in meinen Wochenendbesuch auf der World Art Dubai 2021. Rückblickend betrachtet eines meiner größten philosophischen Erlebnisse in dem UAE-Sandkasten. Philosophie fickt Kunst (oder Dich) mitten in warmer Sonne. Dann springen wir mal rein in diesen wundervollen Koitus.
 

ILLUSION DER MASSEN

Der Vorplatz und das Exhibition-Center selbst sind gut gefüllt. Und zwar nicht wegen der zwei “kleinen” Hallen Kunst, die es zu bestaunen gibt. Sondern weil parallel Karren und Motor-Shows angesagt sind. Tausende von Menschen wollen hier nur eins: Das dickste Rohr sehen und haben. Niemand interessiert sich für Kunst. Zumal die Ausstellung in diesem Jahr aufgrund von Corona noch “kleiner” ausfällt, da nicht alle Aussteller aus aller Welt teilnehmen können. Genau in diesem Moment, in der warme Sonne auf dem Vorplatz schießt mir wieder der Gedanke in den Kopf: “Hier wirst Du wohl nicht viel philosophisch Wertvolles finden.” Und so suche ich in all dem Getümmel den Eingang zur Kunstausstellung und glaube für mehrere Minuten, das ich vielleicht völlig falsch bin.

Rückblickend betrachtet lerne ich mal wieder, dass es sich lohnt mich durchzukämpfen, mich zu fragen, was ich denn will und das die wirklich wertvollen Momente und Erfahrungen sich im Kleinen oftmals Versteckten bereithalten. Hinter etwas, was die Masse häufig nicht sehen kann und wir dann der vermeintlichen Illusion unterliegen, dass es das, was wir Suchen vielleicht gar nicht gibt. Doch bereits mehr Philosophie in diesem Moment als ich der Situation zugetraut hätte. Wunderbares Schicksal.
 

FUCK FAME

Insgesamt ist die Ausstellung den Corona-Umständen gut besucht und auch die Anzahl der internationalen Aussteller begeistert mich. Nur Afrika und UK sucht man vergeblich. Sonst scheint alles Vertreten zu sein. Die Kunst ist vielfältig und von A wie Acryl bis Z wie Zinnoberrot lässt sich auch hier, wie soll es auch anders sein, alles an Kunst finden, was das Herz begehrt. Es gibt Street-Art, Graffiti, allerlei Workshops, digitale Kunst, aber auch Klassiker do it yourself Kurse wie: Töpfern (gegen Angst) – kleiner Spaß.

Im Untertitel der Ausstellung finden sich die Wörter “Affordable Retail Art-Fair” wieder und ich verstehe, dass hier, wie soll es abermals anders sein, verkauft werden soll. Klar, auch die Künstler sollen von was leben und haben wirklich tolle Arbeiten am Start. In den zwei Tagen spreche ich gewollt und ungewollt mit einer ganzen Menge Artists. Einige von ihnen sind zurückhaltend, schüchtern, andere richtige Verkaufs- und Argumentations-Profis. Ich bekomme den Eindruck, dass für viele Künstler, aber auch Besucher, die Kunst vielmehr Status als Ausdruck von Emotionen ist.
Den Höhepunkt liefert mir eine Mutter, die das Talent ihrer 12-jährigen Tochter so sehr Aussaugen und Pushen will, dass sie vor nichts Halt macht. Nach nur wenigen Minuten kenne ich das ganze Leben der Kleinen und die Mutter ist über stolz, da sogar der Scheich höchstpersönlich vorbeigekommen ist, um ein Foto mit ihrem Stand zu machen (obwohl der Stand eigentlich der ihrer Tochter ist). Diese Menschen sag ich euch …

Viel Hoffnung steckt hier drin. Von Kunst leben zu können, berühmt zu sein, endlich ein “richtiger” Artist zu sein, am besten direkt so wie Banksy. Doch dann laufe ich zu meinem eigenen Verwundern bei einem deutschen Landsmann am Stand vorbei. Es gibt nur ein Bild zu sehen, was keinen größeren philosophischen Kontrast hierzu bieten könnte. Ich bin daran erinnert, wie viele Menschen in Ihrem Leben marionetten- oder ballerina-artig versuchen, eine Show aufzuführen, um z.B bekannt und berühmt zu werden und für mich ist das FUCK FAME der Weckruf, der hier gebraucht wird.

“Lathe Biosas – lebe im Verborgenen” schießt mir von Epikur direkt in den Kopf und mir wird abermals klar, wie wichtig es ist, sich von seinem Ego zu befreien, unabhängig von äußerer Aufmerksamkeit zu sein und das es sich lohnt, klare Kante zu beziehen, auch wenn man damit nicht auf gesellschaftlichen Anklang stößt. Wie superwertvoll ein beherztes FUCK doch sein kann.
 

BÜCHER ALS FUNDAMENT

Natürlich lese ich gerne. Und wenn mich jemand fragt, was ich hätte schon vor Jahren machen sollen, dann sage ich immer: “mehr lesen.” Für mich ist es ein unerlässliches Fundament. Ohne Bücher und Philosophie wäre mein Leben ein anderes. Ein gutes Buch kann Dein ganzes Leben verändern. Ich habe schon einige davon gehabt. Lohnt sich, sag ich Dir. Sie prägen Dich, Deine Gedanken und Dein Weltbild. Du kannst Dir Wissen und Fähigkeiten durch sie aneignen und einen kompetenten und stabilen Wesenskern durch Reflektion über das Gelesene ausbilden.

Mir wird abermals bewusst, wie schön und wertvoll es einfach ist, ein physisches Buch alleine in der Natur zu lesen. Welche Ruhe, Freiheit und Glück darin stecken kann. Gleichzeitig aber auch, wie viel chaotische Potenzial in der schwarzen Druckerfarbe steckt, das eigene Leben aus den Angeln zu heben. Wunderschöner Kontrast.
 

I AM ARTWORK

Ich glaube, dass das glückliche und tanzende, leichte Leben Kampf und Kunst zugleich ist. Deshalb heißt es ja auch Kampfkunst – philosophische Kampfkunst. Beides steckt ineinander und ist untrennbar miteinander verwoben. Um dies wunderbarer Kunstwerk des schönen Lebens aber erreichen zu können, führt meiner Meinung nach kein Weg an einer der größten philosophischen Fragen überhaupt vorbei:

Als ich alleine vor diesem Bild stand, wurde mir klar, dass scheinbar niemand in diesem “Meisterwerk” überhaupt Kunst sah, geschweige denn Leben. Vermutlich war ich deshalb alleine hier. Zu plump, zu wenig Farben, zu viel Philosophie. Frage zu blöd, also weitergehen anstatt innehalten und nachdenken. Fühlt sich in dem Moment besser an, funktioniert aber nur kurzfristig. Große Falle.

Ich wurde von dem Bild angezogen, denn ich denke, dass mindestens eine Sache für ein glückliches und erfülltes Leben notwendig ist: Werde der Du bist! Und dafür ist natürlich erstmal wichtig zu klären: “Who are you?”. Es fühlte sich so an, als hätte Nietzsche persönlich den Pinsel geschwungen und mit der Leinwand gebumst. Aber niemand wollte diesen so wichtigen lebensschaffenden Akt wirklich sehen, geschweige denn in ihn einsteigen. Klingt komisch, is aber so…

Ich war positiv überrascht von einem derartigen philosophischen Orgasmus in einer Welt, in der sonst Liebficken und Tiefgründigkeit eher hinter verschlossenen Türen stattfindet – wenn überhaupt. Also torkelte ich weiter und sollte direkt, wie vom Schicksal serviert, die mir bereits bekannte philosophische Antwort auf die in diesem Zusammenhang oft gestellte Frage: “Ja und wie kann ich herausfinden, was ich will und was nicht? Wer ich bin und wer nicht?” erhalten. Dieses Mal allerdings ausgedrückt auf Leinwand.
 

LOOK INTO BLACK …

and you never know what might look back.
In diesem Moment schien für mich alles gesagt. Wie eine philosophische Geschichte ausgedrückt in Bildern. Schwarz bedeutet für uns oft Einsamkeit, Leere, Trauer, Hass, Angst, Kälte. Aber die indische Künstlerin sah hierin folgendes: infinity, expanse, space, search, light, dark, force, mystery, emotions, intellect, freedome, transcendence. (Stand neben dem Bild auf der Wand.)

Als ich in das Bild und den Satz darunter sah, war ich direkt an Meditation erinnert und wie wichtig Einkehr und Selbstkonfrontation ist, um das eigene Ego überwinden und die oben genannten Fragen zu beantworten. Das Du auch mal bereit sein musst, in diese chaotische Leere zu schauen und auch durch die dahinter liegenden Emotionen zu gehen. Das viele Menschen aber genau hiervor so viel Angst haben und es nicht schaffen, weil sie nicht wissen, was ihnen begegnen wird.

Ich denke, viele würden in einer solchen tiefen Einkehr auf “ungelebtes Leben” stoßen. Ein Leben, in dem sie lieber etwas anders machen wollen oder das ihnen nicht entspricht und damit können und wollen sie nicht umgehen. Dabei gibt es doch auch ein riesiges Potenzial, was in so einer großen Erkenntnis steckt. Die Chance auf etwas Positives und Gutes rückt aber hierbei oft in den Hintergrund. Viele krasse und emotionale Erfahrungen habe ich in Meditationen gehabt, worauf ich viel in meinem Leben zum Positiven verändert habe. Und jetzt stell Dir den Impact mal in Kombination mit Büchern vor…

Ich habe mich lange mit der Künstlerin unterhalten. Wir haben durch das Bild in ein schönes philosophisches Gespräch gefunden. Sie hat mir erzählt, dass das Malen des Bildes ihre Meditation war. Ihr Leben war zu dem Zeitpunkt in einem Umbruch und sie hat solange die Farbe Türkis aufeinandergeschichtet, bis es letztlich fast schwarz war. Diese Kombination von Kunst und Meditation hat sie dazu gebracht, ihr Leben zu verändern, da nur so wichtige Erkenntnisse möglich waren, sagte sie. Nach ca. 1,5 Stunden war unser Gespräch beendet. Zum Schluss meinte Sie zu mir: “Sascha, klar bin ich hier Ausstellerin, um etwas zu verkaufen und das ist auch schön, aber es sind eigentlich solche Gespräche über Kunst und Philosophie, die für mich wirklichen Wert haben.”

Und da war er wieder. Der wirkliche Wert des Lebens, das, was man mit Geld nicht kaufen kann.
 

DER FELS UND DER VOGEL

Mehrere Wochen später besuchte ich in Deutschland einen sehr guten und langjährigen Freund. Auf seinem Dachboden habe ich eine kleine Kiste mit ein paar Büchern, die ich behalten habe. Beim Durchsehen fällt mir das philosophische Kinderbuch “Der Fels und der Vogel” in die Hände. Ich erinnere mich daran, dass die Geschichte darin etwas traurig, aber dennoch viel Weisheit in ihr war. Dieses Buch hatte auf den ersten Blick nichts mit Dubai oder meinem Besuch auf der Kunstausstellung zu tun, außer dass es, wie ich finde, wunderbar minimalistisch illustriert ist.

Doch dann erinnere ich mich an die letzten zwei Sätze und schlage sie auf: “Und während er den Wellen lauschte, dachte er an den warmen Sonnenschein auf seiner Oberfläche, der einmal kurz von dem darüber huschenden Schatten eines Vogels verdunkelt worden war. Eines Vogels, des wärmer war als selbst die Sonne.”

Das Bild der Sonne und die Metapher für jemanden wärmer zu sein als die Sonne selbst erinnern mich an Dubai und die Exhibition. Sie erinnert mich daran, wie alle auf dem Vorplatz in der Sonne bei den Karren standen und dabei das Funkeln und Glänzen der polierten Karosserie mit der echten Sonne, also dem wirklich wertvollen Leben verwechselten. Mir wird abermals klar, wie wichtig und wertvoll es ist, selbst so eine Sonne zu sein bzw. zu werden und das hierfür auch der Blick ins Schwarze, also dahin, wo es vermeintlich keine Sonne gibt, wertvoll und notwendig ist. Instantan erinnere ich mich an das Black-Bild auf der Kunstausstellung zurück.

Dann beschließe ich, das Buch nochmal zu lesen und schlage die erste Seite auf. Hier finde ich eine kleine Widmung einer ehemaligen Klientin, die mir als Dankeschön das Buch geschenkt hat. Ich lese nach sehr langer Zeit Folgendes:

“Für Sascha – weil es nicht egal ist, wem wir begegnen, wem wir helfen und mit wem wir Zeit verbringen. Und: weil manchmal eine Begegnung reicht, um ein ganzes Leben zu ändern. DANKE!”

Und da war er wieder. Der wirkliche Wert des Lebens, das, was man mit Geld nicht kaufen kann. Zudem war dies auch der deutsche Satz, den ich unter das schwarze Bild geschrieben hätte: “Weil manchmal eine Begegnung reicht, um ein ganzes Leben zu verändern!”

Was aber würdest Du sagen, wenn dieses Leben Dein eigenes ist und diese Begegnung dafür nicht im Außen, sondern die Begegnung mit Dir selbst ist?
Wie bombastisch würde sich das wohl anfühlen?

PS: Danke Sophie, nun weiß ich Du kannst auch malen und Dich auch auf diese außergewöhnliche Weise zeigen. Das Du ein Kunstwerk aus Kampf und Kunst bist, habe ich nie infrage gestellt.

„Look into black and you never know what might look back.“

Geschrieben von: Sascha

Hallo, ich bin Sascha von AMOR FATI. Ich lebe seit 12/2019 ohne Wohnsitz. Ich habe einfach losgelassen und das System verlassen, um mich auf eine freie und abenteuerliche Reise zu begeben. Eine Reise ins wirkliche Leben und durch die Welt. Eine Reise mit der Aufgabe: Werde, wer du bist! und der Frage: Was schafft ein erfülltes Leben? Mein Ziel ist es, AMOR FATI durch meine eigenen Inhalte und Impulse zu fördern und zu verbreiten. Ich möchte eine starke Gemeinschaft aufbauen, die auf den Werten und der Struktur von AMOR FATI basiert, und dadurch eine außergewöhnliche Gemeinschaft mit großartigen Menschen aufbauen.

1 Kommentar

  1. Stark

    Toll geschrieben, Sascha

    Antworten

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