Aus dem Leben eines Wachsenichts

von | 17. Mrz 2019 | Der Wille zur Kraft (Archiv) | 0 Kommentare

…und zack; mal wieder machte ich Bekanntschaft mit der harten, geteerten Realität des Skateboardfahrens: der Straße. Doch diesmal war irgendwas anders. Mein Ellenbogen lag zwar ebenso wie meine Hand auf ebenem Grund, aber die Mitte meines Unterarmes befand sich noch immer auf der eisernen Stange, auf der mein 50:50 Grind sein abruptes Ende gefunden hatte, und irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl bei der Sache. Also beförderte ich meinen rechten Unterarm vor die Glotzerchen und was ich da zu sehen bekam, gefiel mir überhaupt nicht und meiner Krankenversicherung sicher noch viel weniger.

Mein Unterarm adaptierte abrupt an den Widerstand des Rails, indem er sich von seiner Mitte an einer spontanen Richtungsänderung unterzog. Leider waren Elle und Speiche nicht so flexibel und schauten mit ihren neu hinzugekommenen Enden auch dezent aus dem Ärmel meines Pullovers heraus, den sie gerade durchbohrt hatten, während der Rest meines Unterarms seitlich herab hing.

Light Weight

Eigentlich war es ein großes Wunder, dass so etwas noch nicht früher geschah. War ich doch immer schon die personifizierte Leichtbauweise des Menschengeschlechts, mit einem Bewegungsapparat, der jedem Marathonläufer zur Ehre gereichen würde. Zu diesem Zeitpunkt zählte ich bereits 13 Lenze, war irgendwo zwischen 170 und 180 cm Körperhöhe, aber brachte nur knappe 48 kg auf die Waage. Essen konnte ich, was ich wollte, aber das änderte an meinem Gewicht eben so viel wie das Skateboardfahren am Umfang meines Oberarmes, der die 30 cm-Marke noch nicht überschritten hatte.

Nach einigen Wochen im Krankenhaus und völliger Immobilisation des Armes, sah das nicht wirklich besser aus, aber auch nur unmerklich schlimmer, schließlich kann man nicht verlieren, was man nicht hat. Dabei habe ich schon von Kindesbeinen an viel Sport und auch Ausdauerkrafttraining betrieben, aber natürlich nicht mit Hanteln. Ich war ja schließlich kein Angeber, naja ok… war ich sicherlich schon, aber doch nicht so einer…

…noch nicht.

Durch das Eisen an das Eisen

Als ich die Idylle des Krankenhauses wieder verließ, fasste ich den Entschluss, dem Dasein der Schmächtigkeit ein Ende zu setzen. Ähnlich dem Stockholm-Syndrom, bei dem sich Entführte mit ihren Peinigern identifizieren, entschloss ich mich dazu, mich für den Rest meines Lebens an das Eisen zu binden, dass mir so überaus kompromisslos meine körperlichen Grenzen aufgezeigt hatte. Es konfrontierte mich damals mit meiner Schwäche und so ist es auch heute noch. Aber je mehr ich mich dem Widerstand seiner Stärke verschrieb, desto mehr färbte sie auf mich ab, desto stärker wurde auch ich.

Mein schwächlicher Körper hat eigentlich schon immer nach der Kraft der Schwere gerufen, ich hatte wohl nur nie hingehört. Sie musste mir erst den Arm brechen, um mich auf meine mangelhafte Entwicklung aufmerksam zu machen. Aber mit 13 war es sicherlich noch nicht zu spät, um mich der Welt des progressiven Widerstandes zu verschreiben – eigentlich war es sogar genau der richtige Zeitpunkt. Von da an hatte ich das Milon-von-Kroton-Syndrom.

Wie alles begann und sich entwickelte

Kaum war ich aus dem Krankenhaus heraus, legte ich mir zwei Hanteln zu, die mir meiner damaligen Kraft und sportwissenschaftlichen Unwissenheit entsprechend erschienen. Mit stattlichen 1,5 kg lagen sie gut in der Hand und von da an curlte, drückte und hob ich täglich stundenlang vor mich hin. Natürlich tat sich da nicht viel und so folgte bald ein Paar mit 5 kg und, da dieses erste Erfolge zeigte, bald die erste dann die zweite Kurzhantel, die man auch bis zu je 12,5 kg aufstocken konnte.

Da ich immer schon über alles, was ich praktisch tat, auch theoretisch möglichst gut Bescheid wissen wollte, hatte ich mir längst einen Haufen Bücher zugelegt und mit Beginn des neuen Jahrtausends das Internet entdeckt, um mich auch dort über meine angestrebten Ziele zu informieren und auszutauschen. Sukzessive bekam mein Training immer mehr System und irgendwann schien es sogar Sinn zu ergeben. Darüber hinaus optimierte ich meine Ernährung und die Protein-Ära von Fisch, Fleisch, Eiern, Nüssen und natürlich allerlei Milchprodukten sowie kunterbunten Shake-Kreationen hielt in meinem Leben Einzug. Wirklich gesund lebt man halt erst dann, wenn man auch ein Ziel gefunden hat, für das sich der damit verbundene Aufwand auch wirklich lohnt. In der gleichen Zeit kamen auch noch eine erste Langhantel und die ersten großen Scheiben hinzu.

Im Laufe der Jahre richtete ich mir so mein eigenes kleines Fitnessstudio im Keller ein und von Bauchgeräten über Bänke, Kniebeugeständer, allerlei verschiedener Stangen, Ablagen, je einer Klimmzug- und Dipmöglichkeit sowie mehreren hundert Kilo Gewicht – die laute aber krächzende Stereoanlage nicht zu vergessen – war eigentlich alles vorhanden, was man benötigte, um groß und stark zu werden: nämlich Widerstand für alle natürlichen Bewegungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers.

Slow Motion

Trotz beharrlichem und intensivem Training fiel es mir jedoch absolut nicht leicht, an Kraft und Masse zuzulegen. Mein gesamter Körper war schmal und schmächtig. Die Knochen lang und dünn. Ich konnte trainieren wie ich wollte, aber die Entwicklung lief vollkommen in Zeitlupe ab. Auch konnte ich essen was und wie viel ich wollte. Nicht einmal an Fett konnte ich zulegen. Mein Stoffwechsel lief auf Hochtouren und das unabhängig davon, ob ich mich bewegte oder nicht. Mein Körper hatte wohl noch nie etwas von Einsteins spezieller Relativitätstheorie und der Äquivalenz von Energie und Materie gehört – zumindest verstand er sich nicht gerade gut darin, Energie in Materie zu verwandeln.

Und so versuchte ich, möglichst viel weiteres Wissen in meinem Kopf und Erfahrung in meinem Trainingsleben anzuhäufen, um zu lernen, wie ich meinen Körper dennoch zur Assimilation von Protein überreden konnte. Im Laufe der Jahre fast täglichen Trainings in meinem Keller und des vielen, vielen Lesens, hatte ich wohl schon das Gros der bekannten und auch viele der eher unbekannten Trainingsweisen- und Systeme durchprobiert. Dabei lernte ich immer mehr, mein Vorgehen zu optimieren und auf meine Situation zurechtzuschneidern.

So langsam schien sich dies auszuzahlen. Ich konnte zwar von Anfang an immer nur ein paar Kilogramm an Masse pro Jahr zulegen, aber die Adaption eines wirklich schmächtigen Knochengerüstes an höhere Widerstände benötigt nun einmal auch mehrere Jahre und wenn man dann auch noch hochwertiges Fleisch drauf packen will, wird das Ganze noch bedeutend schwerer – insbesondere, wenn die eigene Veranlagung nicht in diese Richtung zu weisen scheint. Gut Ding will nun einmal Weile haben und auch ein großer starker Baum wächst nicht von heute auf morgen. Also blieb ich am Ball, versuchte mein gesamtes Leben auf diese Entwicklung hin auszurichten und körperliche Defizite durch mentale Stärken zu kompensieren.

Insgesamt wurde mir zusehends bewusster, dass die Bedeutung der mentalen Komponente umso größer für meine Entwicklung wurde, je mehr Fortschritte ich in dieser machen wollte. Generell kristallisierte sich bei mir im Zuge der Jahre folgende Erfahrung heraus: Je schlechter die körperliche Veranlagung eines Athleten für seine gewünschte Entwicklung ist, desto wichtiger ist sein Wille, um diesen Wunsch dennoch verwirklichen zu können. Und so machte ich mich daran, über den Tellerrand von Trainings- und Ernährungssystem hinauszublicken, um auch Erkenntnisse der Psychologie und Prinzipien der Philosophie für meine Belange zu nutzen. Als Belohnung ging es zwar langsam, aber dafür stetig bergauf. Ein paar Kilogramm im Jahr sind nicht viel, aber im Laufe der Jahre addiert sich dann doch einiges zusammen.

Ein kleiner Zwischenstand

Mit ungefähr 16 sah ich so aus und gegen früher hatte ich bereits große Fortschritte gemacht, aber war natürlich – mit knapp über 60 kg – noch meilenweit von dem Aussehen eines Bodybuilders entfernt. Dennoch hatte ich bereits über 12 kg in den drei Jahren Training zugelegt und mein Oberarm hatte die 30 cm Umfang passiert und war nun auf dem Weg in die Vierziger.

Wie ein Bodybuilder wollte ich jedoch auch nie aussehen. Mein Ideal lag schon immer zwischen dem eines Bodybuilders und dem eines Powerlifters mit Rücksicht auf eine nachhaltige – sprich langfristig ausgelegte und gesundheitsbewusste – Entwicklung. Sowohl Masse als auch Stärke wollte ich in gleichen Maßen entwickeln und niemals das eine dem anderen vorziehen – gleiches galt auch für die Entwicklung meines Geistes, weshalb ich mich für das Studium der Philosophie entschied. Den Werdegang eines für unsere Gesellschaft ’normalen‘ Lebens wollte ich mir nicht aufbürden, da ich weder einen Sinn darin fand noch das Vertrauen dazu hatte, auf diese Weise jemals ein Gefühl der Zulänglichkeit erlangen zu können.

Seit heute

…bin ich 26 Jahre alt und befinde mich in meinem 13. Trainingsjahr. In dieser Zeit konnte ich mein Körpergewicht von knapp 48 kg auf fast 96 kg steigern. Nach Adam Riese und Eva Zwerg trainiere ich somit schon mein halbes Leben und konnte mein Körpergewicht dabei verdoppeln – wenn das mal keine symmetrische Entwicklung ist.

Irgendwie habe ich diese Entwicklung jedoch kaum mitbekommen, da sie wirklich überaus schleichend voran ging. Es war nun einmal Wachstum in Zeitlupe und wenn man sich jeden Tag im Spiegel sieht, merkt man davon nicht wirklich viel. Wenn man sich jedoch die paar Fotos einmal neben einander ansieht, dann kann man durchaus von einer positiven Entwicklung reden und die ist natürlich auch noch längst nicht am Ende – vielmehr fängt sie gerade erst an.

Früher träumte ich oft von 100 kg auf 184 cm bei moderatem Körperfettgehalt und dachte, dass derartige Ausmaße durchaus herausragend wären, aber nun, wo sie im Bereich des Möglichen liegen, haben sie ihren Reiz verloren. Sie sind irgendwie nichts Besonderes mehr, ja schon fast normal und normal ist langweilig. Es ist nun einmal doch das Anstreben von Zielen, das das Menschenherz erfüllt und nicht wirklich das Erreichen derselben. Da ich außerdem schon immer davon überzeugt war, dass übertriebener Größenwahn eine hohe Tugend für jeden ambitionierten Bodybuilder und Schwerathleten ist, korrigierte ich das Ziel meiner körperlichen Entwicklung um bescheidene 20 kg nach oben und bin mir sicher, dass mir die liebe Muskelfee in den nächsten Trainingsjahrzehnten noch einiges an kontraktiler Lebensessenz einverleiben wird.

Natürlich ist mein momentaner Stand absolut betrachtet keineswegs etwas Besonderes und noch ziemlicher Kindergarten, aber relativ gesehen – in Anbetracht meiner Ausgangsvoraussetzungen – bin ich für die ersten 13 Jahre einigermaßen zufrieden damit und freue mich schon auf die nächsten 13. Mein Körpergewicht werde ich wohl nicht mehr verdoppeln können, aber massemäßig ist noch einiges drin und selbst, falls es irgendwann an der Quantität kaum noch etwas zu erhöhen gibt… an der Qualität kann man immer arbeiten. Ich habe Zeit; und wo ein Wille ist, wird sich auch immer ein Weg finden, denn der Wille formt nicht nur Körper und Geist, sondern das gesamte Leben – man braucht nur etwas Geduld; Geduld und Beharrlichkeit.

Jeder, der Wert auf diese und einige weitere wichtige mentale Stärken zu legen versteht, kann dies (und noch viel mehr) erreichen – egal welche körperlichen Vorraussetzungen er dafür mit bringt. Die Zukunft unserer Entwicklung liegt nicht nur in unseren Zellkernen, sondern vor allem in unserem Geist. Die Materie arbeitet nur kausal, sie kennt nur Ursachen. Der Geist jedoch wirkt teleologisch, er arbeitet auf Ziele hin. Die Materie drückt. Der Geist zieht. Wenn wir aus der Materie unseres Körpers etwas Besonderes machen wollen, dann müssen wir mit unserem Geist an ihr ziehen, wie es nur möglich ist. Ohne dieses Ziehen in die Richtung unserer Ziele wird sich nichts entwickeln, was über die durchschnittliche Entwicklung eines menschlichen Körpers hinaus geht.

Die überdurchschnittliche Entwicklung unseres Körpers, die Verwirklichung unserer Ziele liegt somit in der Verantwortung des Geistes, in der Gewalt unseres Willens. Der Körper ist nur eine träge, aber wandlungsfähige Masse. Der Wille ist der Künstler und Herrscher, der sie zu formen vermag.

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